Klang.Werk

Die Anstalt

Die Geschichte von den Verlorenen und den Vergessenen



Erster Teil der Tragödie – Am Morgen


S. schreckte aus dem Schlaf hoch. Er hatte wieder einen dieser Albträume gehabt. Sein Herz raste. Sein Körper war schweißgebadet und er atmete schwer.


Wovon hatte er doch gleich noch einmal geträumt?


C ... Er glaubt von C geträumt zu haben. Ja, doch. Es war C gewesen... Nun erinnerte sich S ganz sicher daran. Wie lange war es her, seit er sie das letzte Mal gesehen hatte? Sechs Monate? Bestimmt waren es sechs Monate. Zumindest nach seinen Berechnungen. Das war genau die Zeit, in der er nun hier fest saß.


Doch zurück zum Traume...


Anfangs hatte S nur ihr Gesicht gesehen. Sie hatte ihn einfach nur angesehen. Dann wandte sie sich auf einmal ab und lief davon. S folgte ihr. Sie rannten beide durch einen schier endlosen Tunnel, bis sie plötzlich ohne gar jede Vorwarnung in einer Art Höhle standen. Einer Höhle voll schwarzen, vermummten Gestalten mit schwarzen Löchern statt Gesichtern. Alle drehten sie sich zu S und dem Mädchen um. Grinsten kalt und böse. Gingen auf die beiden zu und streckten ihre verstümmelten Klauen nach ihnen aus. S wich immer weiter zurück. Wurde in die Enge getrieben. Schlug immer wieder ins Leere, bei dem Versuch, sich zu wehren. Sie streckten ihre Stummelfinger aus. Tasteten nach seinem Gesicht. Angewidert roch S ihren fauligen Atem. Würgte. Musste fast erbrechen und bekam keine Luft mehr. Der Albtraum steigerte sich noch weit ins unermessliche Groteske, bis S am Ende auf einmal aufschreckte.


Tatsächlich bemerkte S sogar ein starkes Gefühl der Übelkeit und einen nicht minder starken Brechreiz. Er erhob sich von seinem Matratzenlager und riss das Fenster über sich auf. Luft! Frische, klare Nachtluft! So rein. So kühl. So leicht, dass es die Übelkeit vertrieb.


Wäre diese düstere, konturlose Schattengestalt, unten am Gartenhäuschen nicht gewesen, hätte er vermutlich sein Gefängnis ganz und gar vergessen. Doch riss ihn dieser Anblick derber als jeder Faustschlag in die Wirklichkeit zurück. Nahm ihn den Wind aus den Segeln und ließ ihn einer Marionette gleich, der man die Fäden durchtrennt hatte, auf das Lager zurückfallen.


Den Rest der Nacht bekam S kein Auge mehr zu. Lag einfach nur da. Starrte an die mit Holz vertäfelte Decke. Einschlafen konnte er nicht mehr. Viel zu viel Angst hatte er, dass er wieder in diesem Albtraum versinken könnte. Nach einiger Zeit kletterte S schließlich auf sein Fensterbrett und rollte sich dort einem Kater gleich zusammen. Blieb dort so liegen, bis die ersten Strahlen der Sonne warm auf seiner Haut kitzelten.


S hob seinen Kopf und sah aus dem Fenster. Ein neuer Morgen, in dieser Anstalt. Eine Anstalt war es wohl, auch wenn man es auf den Blick nicht zu sehen vermochte. Auf dem ersten Blick wirkte diese Anstalt eher wie ein ganz gewöhnliches Haus, in einem gewöhnlichem Dorf. Genauer gesagt, war HW5 eine Doppelhaushälfte, in der eine normale Mittelstandsfamilie durchaus recht wohlhabend hätte leben können. Besah man sich dieser Behausung jedoch genauer, war sie bei weitem nicht das, was man vermutete. Sie war bei weitem nicht so idyllisch, wie es die Fassade vorgab. Besah man sich dieser Behausung genauer, erkannte man, dass diese Doppelhaushälfte eine Zelle war, ein Gefängnis, mit der Bezeichnung HW5. Man sah es daran, dass hier keine Familie hauste, sondern Jugendliche, welche alle ein und die selbe weiße Anstaltskleidung trugen. Man sah die Wärter, welche eine schattenhafte Kontur waren und überall lauerten.


Welchen Zweck diese Anstalt hatte, konnte S nie herausfinden. Er wusste nur, dass man ihn hier mit Suizidgefährdeten SvVlern und Borderlinern zusammengepfercht hatte. Einfach nur, damit sie vor sich hin vegetieren, ohne irgendeiner Form von Pflege und Behandlung. Hin und wieder setzte sich jemand ein frühzeitiges Ende und brachte sich selbst um und wurde anschließend von einem neuen Insassen ersetzt. Niemand hier hatte hier einen Namen. Es gab stattdessen nur Buchstaben. Insgesamt waren sie hier zu dritt. Doch gab es auch das Gerücht, dass unten im Keller noch jemand eingesperrt war. Aus Beobachtungszwecken, so hatte es M einmal bei ihren nächtlichen Gesprächen durchblicken lassen.


M war so etwas wie der Anstaltsleiter. Er hatte eine bleiche Haut, rote Augen und eine Glatze. In der Regel trug er einen maßgeschneiderten Nadelstreifenanzug, mit roten Nadelstreifen. Wirklich gut kante S ihn nicht. Sie unterhielten sich Nachts des öfteren. M schien ein reges Interesse an S zu hegen. Immer dann wenn S nicht einschlafen konnte und leise seine Fragen der Dunkelheit anvertraute, erschien M und setzte sich auf die Schreibtischkante.


Doch warum nun war S eigentlich hier? Bestimmt nicht um alles zu hinterfragen. Nein, ganz und gar nicht. Doch warum dann? S wusste es nicht. Er wusste ja nicht einmal, wie er hier her gekommen war! Das Letzte, woran er sich gar erinnern konnte, war dass er jenseits von tot und lebendig in das Krankenhaus eingeliefert worden war. Im Krankenwagen war dann die verschwommene Welt in Finsternis versunken. Es war schon fast zu spät gewesen, als seine Freundin ihn gefunden und den Notarzt gerufen hatte. Ein paar Sekunden später und S wäre vermutlich verblutet. An diesem einen Tag hatte er definitiv zu tief geschnitten. Das Ende vom Lied sah so aus, dass S sich in dieser Dachkammer in der Zelle HW5 wiederfand.


Nach seiner Rechnung, waren lagen diese Ereignisse nun gut ein halbes Jahr zurück. Ein halbes Jahr lang hatte S nun keinen Kontakt mehr zur Außenwelt. Das einzige, was er in den letzten sechs Monaten zu Gesicht bekommen hatte, war dieses Haus und der dazugehörige Garten. Fluchtpläne waren absolut sinnlos, da das gesamte Dorf ein Teil dieser seltsamen Anstalt war. Und überall patroullierten diese schrecklichen Schattengestalten. M meinte einmal sogar, dass es außerhalb dieses Viertels bei weitem schlimmeres und grausameres gab, als die Schattenwächter. Und diese waren schon schlimm genug. Dies wusste S nur viel zu gut. Sie waren rasend schnell und ihre Waffe waren die schlimmsten Albträume und Ängste ihrer Opfer. Wer ihre Attacke überlebte, verlor auf jeden Fall den Verstand.


S streckte sich und ging zu seinem Kleiderschrank. Eine besonders große Auswahl hatte er nicht. Es waren alles die selben weißen Kleidungsstücke der Anstalt. Langarm, T-Shirt, Hemd, einfache Hose, Turnschuhe, Shorts und Socken. Alles war weiß Shirts und Hemden waren aus Leinen. Die Hosen aus Baumwolle. Seufzend entschied er sich für ein leichtes Hemd, das die frischen Schnitte an seinem rechten Unterarm verbarg, jedoch keinen Druck darauf ausübte. Dazu dann eben noch eine Baumwollhose. Anschließend verließ S die Kammer um die Küche aufzusuchen.


In der Küche war so früh am Morgen noch niemand. Und der Boden war noch eiskalt. S verfluchte sich dafür, weder Socken noch Schuhe angezogen zu haben. Die kalten Steinfließen schmerzten. Doch nun konnte er daran auch nichts mehr ändern. Sein Weg führte ihn zum Kühlschrank, um Milch zu holen. Zwei Handgriffe später hatte er das Müsliglas und eine Schüssel in der Hand. Standartritual. Ein Tag ohne Müsli konnte nicht einmal ansatzweise ein guter Tag werden. Zum Essen setzte sich S auf die Anrichte. Wie jeden Morgen. Alles Routine. Gräßliche Routine. Unerträglich. Monoton. Und dennoch irgendwie... wie soll man es ausdrücken... gewöhnlich... gar einfach nur normal. So war eben das Leben. Vor allem hier in der Anstalt. Kaum aufgegessen spülte S wie immer seine Schüssel und den Löffel ab. Viel zu wenig um den Geschirrspüler zu benutzen. Nach dem Abwasch wurde der Wasserkocher eingeschaltet. Tee war überhaupt das wichtigste am Morgen. Noch wichtiger als Müsli. Ein Tag ohne Tee konnte nur noch grauenhafter werden, als ein Tag ohne Müsli. Natürlich hätte S auch frisch gemahlenen Bohnenkaffee haben können, doch war selbst der beste Kaffee nicht mit einer guten Tasse frischen Tees zu vergleichen.


Dies war überhaupt mitunter eines der seltsamsten Dinge in dieser Anstalt. Es mangelte den Insassen nicht an Lebensmitteln. Alles war da, egal was sie sich wünschten. Und dies auch noch in einer hervorragenden Qualität. S dachte schon lange nicht mehr darüber nach. Es war eben einfach so. Alles hier war eben einfach so. Das Leben. Das Sterben. Die Routine. Die Lebensmittel. Und so lange alles so war, wie es war, war es bei weitem nicht so schrecklich, wie es hätte sein können. Dies war der Gedankengang, der S am Leben hielt.


In aller Seelenruhe holte er eine Teetasse hervor und wählte dann seinen Tee aus. Chinatee, mit Jasminblüten. Er roch wunderbar und war dazu auf der einen Seite beruhigend, auf der anderen Seite aber auch belebend. Schon fast zeremoniell nahm er einen Teelöffel von diesem Tee und füllte die Menge dann in das Sieb. Bedächtig hob er den Wasserkocher hoch und goss das Wasser langsam und mit größter Vorsicht in die Tasse. Ein angenehmer Jasminduft stieg ihm in die Nase und ließ S die gesamte Situation vergessen. Zumindest für ein paar Sekunden. Genussvoll schloss S die Augen, als erden ersten Schluck trank.


Schritte im Treppenhaus holten S wieder in die Realität zurück. Das musste K sein. Oder vielleicht auch Q. Viel wahrscheinlicher war es aber, das K die Treppe herunter kam. Normalerweise war sie die Erste, die früh morgens in der Küche stand. Warum dies heute nicht der Fall war, wusste S nicht. Er verschwendete auch keinen Gedanken daran. Wozu auch? Sie lebten hier zwar wie in einer Gemeinschaft, doch war jeder letzten Endes sich selbst überlassen.


Es stellte sich heraus, dass es Q war, die dort die Treppe herunter kam. Q, das kleine blasse Mädchen, mit rotem Haar. Die weißen Anstaltskleidung waren ihr viel zu groß. Sie wirkte richtig verloren darin. Zusätzlich betonten sie ihre bleiche Hautfarbe. Und nicht zuletzt die Spuren der Magersucht. In den ersten Tagen war sie deswegen, jedes Mal, wenn sie sich im Spiegel sah, in Tränen ausgebrochen. Warum war Q hier? Nicht nur wegen der eben genannten Magersucht. Es kamen auch noch Alkohol- und Drogenmissbrauch hinzu. Und am Ende hatte sie im Rausch versucht sich die Pulsadern aufzuschneiden. Nun lebte Q hier schon seit 5 Monaten.


„Morgen“, grüßte sie ihn mit ihrer leisen, fast schon hauchenden Stimme.

„Morgen“, erwiderte S den Gruß. „Wo ist K?“, fragte er dann anschließend.

„Tot“, antwortete Q. Es war eine nüchterne Feststellung, ohne jegliche Emotion.

„Tot?“, hakte S nach, jedoch ohne besonderes Interesse.

„Na tot eben“, fuhr sie fort. „Sie hat sich mit dem Filetiermesser im Bad an mehreren Stellen aufgeschlitzt.

„Ahja“, nahm S diese Nachricht ohne weiteres zur Kenntnis. Gestorben wird hier immer wieder. Nach den ersten Wochen schockierte es einen gar nicht mehr. Kaum jemand hielt es hier besonders lange aus. Q und S glichen hier einem Wunder. Und die beiden hatten sich irgendwie an das Sterben der anderen gewöhnt. Der Tod barg keine großen Verluste.


Vermutlich lag hier der Zweck dieser Anstalt. Es galt einfach nur, die Kranken abzuschieben. Sie aus der Gesellschaft zu verdrängen, damit man sich nicht mehr um sie kümmern musste. Die Problematik musste beseitigt werden, noch bevor sie einen Fleck auf die perfekte, moderne, zivilisierte Welt werfen konnte. Es musste ausgemerzt werden Und dies geschah in der Anstalt. Still und heimlich. Und vor allem sollte sich das Problem selbst vernichten.


„Wie kommst du mit deinem Bild voran?“, erkundigte S sich, als wäre das Thema K nie gefallen.

Q schluckte ihr Frühstück runter. „Ganz gut soweit. Es fehlt nur noch das gewisse Etwas.“

„Du wirst es bestimmt noch finden“, munterte S sie auf, worauf Q unwillkürlich lächeln musste.


Normalerweise war es nicht gut, wenn man untereinander eine emotionale Bindung aufbaute. Man wusste nie, wie lange man hier nun gemeinsam lebte. Die einen brachten sich schon nach zwei Tagen um, andere erst nach zwei Jahren. Gestorben wird letzten Endes jedoch sowieso. Das alles hier war so etwas wie ein Sterbelager. In gewisser Weise schienen Q und S diese Grundregel zu ignorieren. Sie hatten bereits zwei Tage nach Qs Ankunft eine enge Freundschaft geschlossen., trotz der Gewissheit, dass sich der andere jeden Tag umbringen konnte, wie die alle anderen hier im Suizidblock. Doch bei ihnen war es nicht so. Wenn es schwer wurde, waren sie füreinander da. Wenn einer von beiden einen Rückfall hatte, waren sie für einander da. Egal, was war, sie waren immer füreinander da gewesen. Damit waren die Grundregeln definitiv gebrochen, doch vielleicht war es aber auch ganz gut so. Zumindest glaubte S nicht, dass er ohne Q so lange durchgehalten hätte. Und ja, in der Gefangenschaft war ein halbes Jahr eine sehr, sehr lange Zeit. Alleine wohl viel zu lange und viel zu unerträglich.


„Wie geht’s eigentlich mit deinem Buch voran?“, fragte Q, nachdem sie aufgegessen hatte.

„Passt schon... Es schleppt sich gerade ein wenig träge dahin.“

„Wird schon noch. Setz dich nur nicht unter Druck.“

„Wozu auch? Ich habe immerhin alle Zeit der Welt.“


Beide mussten sie lachen. Dann seufzten sie. Ihnen war beiden klar, dass niemand jemals ihre Werke zu Gesicht bekommen würde. Für die Gesellschaft existierten sie nicht und hatten auch nie existiert. Es gabt auch nicht einmal im entferntesten eine Möglichkeit hier wieder herauszukommen. Zumindest nicht lebendig. Der einzige Widerstand, den sie leisten konnten, war es zu überleben. Nur so konnten sie diesem System trotzen. Egal, ob es jemand erfuhr oder nicht.


S stellte die leere Teetasse neben den Wasserkocher. Vielleicht würde er sie später noch einmal benutzen. Anschließend ging er wieder nach oben. Inzwischen hatte bestimmt schon irgendjemand das Bad gereinigt und die Leiche weggeschafft. Schließlich war das hier nun einmal so üblich.


Mensch wird eingeliefert.

Mensch dreht noch mehr durch.

Mensch tötet sich.

Mensch tot.

Mensch wird entfernt.

Irgendjemand mach hinterher sauber.


Dies war nun einmal der normale Ablauf hier, der von S nur noch mit einem Schulterzucken abgetan wurde.


Und tatsächlich war das Bad so sauber, als hätte Ks Selbstmord nie stattgefunden. S entkleidete sich und betrachtete seinen Körper, welcher drahtig, fast schon dürr war. Ja, das war er also. Wirres Haar. Traurige Augen. Eine zerkratzte Brust. Und nicht zu Letzt, die Narben auf der Innenseite seines linkes Unterarmes. Die zwei größten und deutlichsten waren der Grund, weshalb S überhaupt hier gelandet war. Zwischen den alten Narben fanden sich neue, doch nicht mehr blutende Schnitte. Das war er also. S war noch nicht gebrochen. Doch dies war nur noch eine Frage der Zeit.


Seufzend begann S sich zu rasieren. Währenddessen hatte er immer wieder das Bedürfnis sich zu schneiden. Doch widerstand er der Versuchung, sich dem Drang erneut hinzugeben. Das ganze musste endlich einmal ein Ende haben. Er konnte sich ja nicht ewig schneiden.


„Ach, scheiß drauf“, murmelte S zu seinem Spiegelbild und zog sich die Rasierklinge über den Unterarm. Es zwickte kurz ein wenig, aber das war auch schon alles. Vier rote parallele Linien bildeten sich an der Stelle, an der er sich geschnitten hatte. Ohne noch weiter nachzudenken schnitt er noch mehrere Male über ein und die selbe Stelle. Immer und immer wieder. So lange, bis es nicht mehr nur rote Linien waren, sondern blutende Wunden. Es brannte nicht einmal. Mit einer gewissen Erleichterung atmete S auf. Nachdem der Drang sich zu schneiden gestillt war, befand er sich in einem Zustand der Schwerelosigkeit und der Zufriedenheit. Er strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Ja, verdammt nochmal. Es war eine gottverdammte Droge. Es machte psychisch abhängig. Und es zerstörte. Nicht den Körper, sondern die Seele. Der Körper wurde zwar in Mitleidenschaft gezogen, doch das waren nur Narben. Nichts als Narben. Kratzer auf einer billigen Hülle. Nach einem weiterem seufzen stieg S unter die Dusche. Er drehte den Wasserhahn auf und ließ den Regen aus brühend heißem Wasser über sich ergehen. Durch das Wasser brannten die Schnittwunden und die Kratzer schlimmer als die Hölle, doch biss er die Zähne zusammen. S hatte den Schmerz verdient. Er hatte ihn verdient. Verdient für seine Dummheit. Das war das einzige, was ihm durch den Kopf ging. Er hatte es verdient. Der Gedanke verstärkte sich, als er sich mit Shampoo einrieb und die Wunden nur noch stärker brannten. Nach einer halben Stunde erst drehte S wieder das Wasser ab und stieg aus der Dusche um sich abzutrocknen. Nebenbei öffnete er das Fenster und ließ den Wasserdampf ins Freie. Flieg davon Nebel. Flieg in die Freiheit, die ihm verwehrt blieb.


S wickelte sich das Handtuch um die Hüfte und stapfte zurück in seine Kammer, wo er sich erstmal auf das Bett fallen ließ. Wie immer starrte er einfach nur an die Decke und ließ sich von seinen Gedanken treiben oder sprach leise mit sich selbst. Oft hatte er hier mit sich selbst gesprochen, wenn sein Kopf wieder kurz davor war, zu platzen. Er musste mir aufpassen, dass er nicht durchdrehte und wahnsinnig wurde. Oder war er dies nicht schon längst?


Und wahnsinnig wurde man hier drinnen recht schnell, wenn man nicht aufpasste. In der Regel konnte man sich in der Anstalt nur mit sich selbst beschäftigten. Man sprach mit sich selbst und irgendwann begann man sich Gesprächspartner zu erfinden, die dann eben auch für die einzelnen Insassen Realität werden. Zumal es nicht wirklich viel Gesprächsstoff gab. Das Hauptthema war einzig und allein der psychische Mist, wegen dem man hier in der Anstalt gelandet war.


Seufzend fuhr S sich mit der Hand durchs Haar. Schon irgendwie verrückt, das ganze hier... Nicht selten dachte S darüber nach, ob er nicht vielleicht vor sechs Monaten auf dem Weg ins Krankenhaus verblutet war und die Anstalt vielleicht so etwas wie die Hölle, also die Strafe für seine Sünden war. Gar so abwegig war dies auch gar nicht einmal. Aber letzten Endes war dieser Gedanke doch nur Hirnspielerei. Die hoffnungslose Suche nach einer Erklärung für diese groteske Welt.


Er streckte seine Hand aus und griff nach der Zigarettenschachtel, die da auf der Heizung lag. S nahm eine Zigarette heraus, zündete sie sich an und zog einmal kräftig an dem Glimmstängel. Ja, das tat gut und beruhigte das Gedankenchaos. War es wirklich die Wirkung des Tabaks oder einfach nur das entspannte durchatmen? Im Prinzip war es ihm egal. Es hatte auf jeden Fall seine Wirkung. Gut, gleich danach würde er lüften müssen, aber das war ihm im Moment ebenfalls egal. Alles war egal, so lange er seine Ruhe haben konnte.


Rauchen kann tödlich sein. S musste lachen. Was machte das hier schon? War das hier nicht scheißegal? Hach, was wäre das Leben ohne Selbstironie.


Doch woher waren die Zigaretten eigentlich? S wusste es nicht. Er wusste nur, dass die Schachtel, die vor sechs Monaten mit seinen Sachen hier gelandet war, immer wieder frisch aufgefüllt wurde. Schon seltsam... Wenn man nicht

die ganze Zeit daran dachte, dass dies hier nur ein Sterbelager war, in dem psychisch Kranke abschob und wenn man die Selbstmorde ignorierte, dann konnte diese Anstalt schon fast so etwas wie das Paradies sein. Doch sollte man auf die Idee kommen, sich an diesen Gedanken festzuklammern, packte einen früher oder später auf jeden Fall der Wahnsinn. Oder der, der anderen Insassen.


Der einzige Friede, den dieses Paradies bot, war der Tod.


Ein weiterer Zug und S aschte ab, in den Aschenbecher, der neben dem Bett stand. Am Ende drückte er die Zigarette an seinem Unterarm aus. Er hörte es nur zischen und roch kurz die verbrannte Haut und das verbrannte Fleisch. Den Schmerz spürte er gar nicht mehr.


Alles war hier so selbstverständlich geworden...


+++


Zweiter Teil der Tragödie – Brief an Z


Es war bereits am frühen Nachmittag, als S sich wieder rührte. Das Erste, was er tat, war dass er sein Fenster sperrangelweit aufriss und die Tür öffnete. In seinem Zimmer musste dringend gelüftet werden. Es stank nach kaltem Rauch. Das störte sogar ihn als Raucher. Anschließend tauschte er das Handtuch, das er sich um die Hüfte gewickelt hatte, wieder gegen richtige Kleidung ein. Zum Abschluss schlurfte er noch einmal ins Badezimmer, wo er mit einem Kamm versuchte die Haare zu etwas zu zähmen, was wenigstens annähernd so etwas wie einer Frisur glich. Kritisch betrachtete er sein Werk im Spiegel. Legte nachdenklich den Kopf auf die Seite und zerstrubbelte das Ganze am Ende mit der Hand. Schon besser...


Was nun? Spontan entschieden ging S zurück in sein immer und stöberte in seinem Regal. Seltsamer Weise waren dies hier die selben Bücher, wie er sie auch zu Hause gehabt hatte. Warum das so war, wusste S nicht .Wie vieles eben. Es war eben nun einmal so. Er selbst hatte die Bücher auf jeden Fall nicht mitgebracht. In seiner Kampftasche, die neben seinem Bett gestanden hatte, als er aufgewacht war, befanden sich nur seine Skripte, Kafkas Verwandlung, Goethes Faust, seine Stifte, seine Notizbücher, sein Tagebuch und sein i-Pod. Unschlüssig nahm er Kafkas Prozess zur Hand und verzog sich damit auf das Fensterbrett.


Gegen Abend klopfte es an der Tür. Es war Q. Wer hätte es auch sonst sein sollen? Als sie von S keine Antwort bekam, trat sie vorsichtig ein. Um sie zu bemerken war S viel zu sehr in seine Gedankenwelt abgetaucht.


„S?“, fragte sie vorsichtig und ging um das Bücherregal herum, welches in der Mitte des Raumes stand. „Alles in Ordnung?“, fügte sie noch hinzu und atmete auf, als sie erkannte, dass er sich nur in sein Buch vertieft hatte. Sie klopfte kurz gegen den Raumteiler. In aller Seelenruhe markierte S sich die Stelle in dem Buch und legte dann erst das Buch zur Seite, bevor er aufsah.


„Was gibt’s`?“, erkundigte er sich.

„Abendessen“, erwiderte sie.

„Gut, meinte S und streckte sich. Q war inzwischen wieder verschwunden.


S schloss das Fenster und ging dann ebenfalls nach unten. Zum Abendessen gab es nichts besonders. Brot und Käse. Dazu Tee. Bei dem Anblick zog S eine Grimasse. Brot und Käse. Er konnte das Zeug nicht mehr sehen. Wird Zeit, dass er mal wieder etwas kochte. Ein wenig lustlos aß er zwei Brote, räumte schweigsam ab und wollte wieder nach oben gehen. Als er jedoch die Tür öffnen wollte, legte sich von hinten eine Hand auf seine Schulter.


„Alles in Ordnung?“, fragte Q vorsichtig, kaum hörbar.


S drehte sich langsam um und sah sie ein paar Sekunden lang schweigend an. Was sollte er antworten? Ja? Nein? Sollte er nur den Kopf schütteln? Sollte er einfach nichts sagen? Ohne eine Antwort sich abwenden und nach oben gehen? Mit einem kurzen seufzen entschied er sich für das Kopfschütteln, wofür er einem fragenden Blick von Q erntete. Sie fragte nicht weiter nach. Stattdessen nahm sie ihn kurz in den Arm.


„Ich bin immer für dich da“, hauchte sie ihm ganz leise ins Ohr. Schweigend erwiderte er die Umarmung und drückte sie sanft an sich. Eine ganze Weile verharrten sie so. Umarmten sich. Hielten sich gegenseitig fest. Spendeten einander Trost. Gaben sich Kraft und neue Energie.


Schließlich ließ S sie los, strich ihr sanft und dankbar über die Wange und schlich nach oben in seine Kammer. Dort knippste er als erstes seine Schreibtischlampe an, setzte sich auf den Stuhl, klappte seine Schreibmappe auf und holte schließlich seinen Füller hervor. Danach überlegte S, was er schreiben sollte. Er musste dringend etwas schreiben. Es brannte ihm in seinem Herzen. Etwas musste hinaus, sonst würde er noch wahnsinnig werden. Aber was sollte er schreiben. S stand auf und stöberte in seinem CD-Regal. Goethes Erben? Nein. Eisbrecher? Auch nicht. Einstürzende Neubauten? Eher weniger. Pzycho Bitch? Genauso wenig. Samsas Traum? Vielleicht. Weena Morloch? Schon besser. Er nahm das Kadaverkomplex-Album in die Hand und legte den Silberling in seine Stereoanlage. Einen Augenblick später hämmerten monotone, dumpfe Beats aus den Boxen.


„Terrorismus ist die Zerstörung von Versorgungseinrichtungen“, hieß es da in dem Lied Stammheim. S nickte. Das war in Ordnung, zum Arbeiten. Er setzte sich an den Schreibtisch und begann zu schreiben. „Brief an Z“, war die Überschrift.


Brief an Z


Hallo Z,


Vermutlich wunderst du dich über diesen Brief, den ich Dir da geschickt habe und den du nun in den Händen hältst. Wahrscheinlich liegt dies daran, dass es der erste Brief ist, den ich dir überhaupt schreibe, obwohl wir uns schon so lange kennen. Doch haben wir uns nie wirklich verstanden. Wenn wir alleine die Abende verbrachten, endeten diese meistens in gegenseitigen Beleidigungen und Beschimpfungen.


Warum schreibe ich Dir ausgerechnet jetzt? Nun, trotz der ständigen Streitereien, bist du der Einzige, an den ich mich wenden kann. Das mag für dich skuril klingen und das ist es auch. Es ist skuril, da wir uns trotz allen Beschimpfungen und Beleidigungen immer verstanden haben.


Ich gebe Dir hiermit die letzte Gelegenheit, den Brief bei Seite zu legen. Ihn zu zerknüllen und in den Papierkorb zu werfen. Du musst dies nicht lesen, denn ich will mich Dir nicht aufzwängen.


Du liest weiter? Nun gut! Dann tu Dir dies ruhig, doch wage es nicht zu behaupten, dass ich Dich nicht gewarnt hätte!


Am besten komme ich wohl sofort zur Sache.


Ich denke, dass meine Zeit hier langsam zu Ende geht, dass ich sterben werde. Ich habe einfach nicht mehr die Kraft, das ganze hier weiter auszuhalten. Es geht nicht mehr. Ich kann nicht mehr. Ich bin am Ende. Kraftlos. Verzweifelt. Hilflos.


Es gibt keine Möglichkeit hier raus zu kommen, selbst dann nicht, wenn ich es doch schaffen werde, dass ich mit mir ins Reine komme. Doch dies ist sogar fast noch unmöglicher hier, in dieser abstrakten Welt, in der der Wahnsinn noch mehr zur Realität gehört als draußen.


Meine Situation ist aussichtslos. Entweder sterbe ich oder vegetiere einfach nur noch vor mich hin.


Mein Plan war es so lange auszuhalten, bis ich völlig ausgebrannt bin. Doch bin ich das nicht schon? Bin ich nicht schon am Ende? Was tu ich hier noch anderes als mir stumm die Seele aus dem Leib zu schreien und mir den Körper zu zerschneiden?!


Für wen mache ich das alles? Bestimmt nicht für mich. Es ist Q, die mich im Leben festhält. Nicht C oder sonst jemand. Für C und die anderen da draußen bin ich vermutlich schon längst tot. Verstorben, auf dem Weg zum Krankenhaus. Oder ich habe einfach nie existiert. Was ist wenn man mein Leben da draußen restlos ausgelöscht hat? Lebe ich überhaupt noch? Habe ich je gelebt?


Momentan hat es zumindest den Anschein, dass ich lebe. Ich lebe für Q. Einzig und allein für Q. Doch hat sie bereits gemerkt, dass ich mehr oder minder im Sterben liege.


Der Wahnsinn an der Sache hier ist ja auch noch, dass ich an dem ganzen Mist auch noch selbst schuld bin! Ich habe mich ununterbrochen geschnitten und mich sonst irgendwie verletzt. Ich habe dafür gesorgt, dass ich fast verblutet bin. Warum habe ich es nicht gleich richtig getan? Dann wäre mir das hier erspart geblieben... Vermutlich ist die Anstalt hier die Strafe für mein Versagen.


Oder bin ich vielleicht schon tot? Ist diese Anstalt so etwas wie die Hölle? Dann hätte Selbstmord ja gar keinen Zweck...


Wie man es dreht und wendet, meine Lage bleibt aussichtslos... Und ich bin auch noch selbst daran Schuld!


Doch möchte ich mich nicht in Selbstmitleid suhlen. Viel mehr will ich mir einfach nur von der Seele schreiben. Es gibt hier niemanden, mit dem ich über meine Gedanken reden oder gar schreiben kann.


Da ich nicht denke, dass wir jemals wieder alleine miteinander sprechen werden, möchte ich mich an dieser Stelle bei Dir entschuldigen. Für alles was jemals war und noch kommen wird. Für alle Beleidigungen. Für alle Beschimpfungen. Für alle Streitereien. Für alles Geschrei. Für alle Schwächen Und für mein Versagen.


Entschuldigung, es tut mir Leid.


Ich verbleibe in tiefster Demut.


S.


Seufzend legte er seinen Füller auf die Seite und las sich seinen Brief noch einmal durch. Ja, das konnte er so lassen. Schon beinahe zufrieden nickte er und bemerkte erst jetzt, dass schon lange keine Musik, wenn man es überhaupt als solche bezeichnen konnte, mehr lief. Erschrocken zuckte er zusammen, als Q an die Tür klopfte. Sie trat ein und stellte eine Tasse dampfenden schwarzen Tee auf den Tisch.


„Alles in Ordnung?“, fragte sie sanft und strich ihm sanft über den Kopf.

„Ja“, antwortete er ihr und lehnte sich an sie an. „Jetzt schon.“

„Bleib bitte nicht zu lange auf“, bat sie und kraulte seinen Nacken.

„Ich werde es versuchen“, erwiderte er. Schloss seine Augen. Schnurrte leise.


Lächelnd ließ Q ihn wieder alleine.


Mit einem erneuten Seufzen klappte S seine Schreibmappe zu, stützte seine Ellenbogen auf den Tisch und vergrub sein Gesicht in seinen Händen. Auf einmal war die gesamte Last wieder da. Sie drückte wieder mit voller Wucht auf seine Schultern. Erstickte seine Seele. Und er hatte keine Kraft mehr sie zu tragen. Er hatte sie nie gehabt. Und dennoch hatte er sich mit den Lasten anderer überladen, woran er auch am Ende zerbrochen war.


Heiße Tränen rannten über seine Wangen. Tropften auf die Schreibmappe. Tropf. Tropf. Zerspritzten beim Aufprall in alle Richtungen.


Stumme tränen.


+++


Dritter Teil der Tragödie – In der Nacht


S hatte keine Ahnung, wie lange er da gesessen und stumme Tränen auf seine Schreibmappe vergossen hatte. Auf jeden Fall war es nun, bis auf die Schreibtischlampe finster in seiner Kammer geworden. Mit seinem Ärmel wischte er die Schreibmappe ab. Irgendwie fühlte er sich leer. Abgrundtief leer. Die Last war noch immer da, aber er empfand nichts mehr. Die Emotionen hatten sich mit den Tränen im Nichts verflüchtigt. So scheint es zumindest.


Zum wiederholten Male fuhr S sich mit der Hand durchs Haar und seufzte. Das seufzen wurde für die Bewohner der Anstalt sehr schnell ein fester Bestandteil des alltäglichen Lebens, wie das Atmen, die Nahrungsaufnahme, etc. Es ist das Ventil, aus dem ständig Frust und Schmerz entweicht.


Obwohl er nicht richtig Müde war, beschloss S sich schlafen zu legen. Sein Hauptbedürfnis war es momentan, sich in seiner Bettdecke einzurollen und alles zu vergessen. Ihm war kalt. Es war eine innere Kälte, die von ihm Besitz ergriff. Sie kommt tief von innen heraus. Erfüllt zuerst den ganzen Körper und am Schluss umklammert sie eisern das Herz. Es war eine Kälte, gegen die kein Heizkörper der Welt ankommen konnte.


Fröstelnd schalltete S das Licht aus, legte seine Kleidung ab, wobei er sie achtlos auf den Boden fallen ließ, und verkroch sich unter seine Bettdecke. Vorher öffnete er jedoch noch schnell das Fenster, damit frische Luft hereinkommen konnte. Am Ende schloss er die Augen und rollte sich zu einer kleinen Kugel zusammen, ähnlich wie ein Kater. Schlafen konnte er aber dennoch nicht. Er war sich von der einen auf die andere Seite und wieder zurück. Es war einfach zu kalt, als dass S hätte schlafen können. Es war als würde er erfrieren. Erfrieren von innen. Während er so zitternd eingerollt da lag und erkannte, wie sehr er am Ende war, kamen auch wieder die stummen Tränen. Ihre Wärme gleichte blankem Hohn. Kurz darauf verfiel er in einen traumlosen schlaf. Wieder ein Tag in der Anstalt überlebt.


Schwärze. Stille, angenehme Schwärze. Dazu noch ein alles verspottendes Kichern. S grummelte in sich hinein. Würde er wohl nie ein wenig Ruhe finden? Weiterhin grummelnd sah er sich in der dunklen Kammer um. In kürzester Zeit war die Ursache des Kicherns ausgemacht worden. Die Ursache dafür lehnte so halb an dem Schreibtisch und saß halb auf der Tischplatte. Zu dunkel war es um auch nur irgendetwas zu erkennen, doch hatte S so eine Ahnung, wer diese Ursache sein könnte. Er glaubte sogar in der Dunkelheit eine Person im schwarzen Anzug, mit roten Nadelstreifen ausmachen zu können. Dazu noch eine rote Krawatte und ein bodenlanger Mantel. Natürlich basierte dieses wissen darauf, dass die besagte Person diese Kleidung immer trug. Auf dem Kopf saß ein Zylinder unter dessen Krempe hervor ihn ein Paar rot glühender Augen ansah. Die linke Hand stützte sich locker auf den Schreibtisch. Die rechte Hand dagegen hielt ein Blatt Papier fest.


Erneut grummelte S in sich hinein und drehte sich auf die andere Seite. Versuchte wieder einzuschlafen. Doch gab der nächtliche Besucher so schnell noch keine Ruhe. Er kicherte nun nicht mehr nur, sondern begann nun auch laut von dem Blatt abzulesen, welches er in der Hand hielt.


„Hallo Z.“, begann er spöttisch kichernd. „Vermutlich wunderst du dich über diesen Brief, den ich Dir da geschickt habe und den du nun in den Händen hältst. Wahrscheinlich liegt dies daran, dass es der erste Brief...“

„Verdammt M! Lass den Scheiß und verschwinde! Ich will schlafen!“, unterbrach S wütend den Mann am Schreibtisch und drehte sich mit einem Ruck zu ihm herum.

„Oh... Oho...“, kicherte M wieder. „Wer wird denn gleich wütend werden?“

„Verpiss dich endlich“, gab S zurück. Er spie die Worte aus, als wären sie giftig.

„Ach S, du enttäuscht mich. Ist das etwa das, was man dir als Gastfreundschaft beigebracht hatte?“

„Ich sagte dir, dass du dich verpissen sollst und dass ich schlafen will“, zischte S.“

„Und ich will mich ein wenig mit dir Unterhalten. Und da ich in der Rangliste weit über dir stehe, werden wir uns auch unterhalten.“

„Leck mich“, erwiderte S und drehte sich wieder in Richtung Wand.

„Das ist aber immer noch kein höfliches Verhalten, S...“

„Verdammt nochmal! Was willst du von mir?!“, entfuhr es S lautstark und sofort saß er aufrecht da.

„Ah... Endlich habe ich deine Aufmerksamkeit...“

„Du nervst, geh sterben.“


M seufzte.


„Herrgott nochmal! Was willst du?!“

„Gegenfrage: Was willst du?“


S schien die Frage total aus dem Konzept zu bringen. Langsam stand er auf und ging auf M zu.


„Wie?“, war das einzige, was er zu Stande brachte.

„Was willst du?“, wiederholte M seine Frage. „Außer natürlich hier raus?“, fügte er noch schnell hinzu.

„Ich will leben...“

„Tust du das nicht bereits?“

„Nein, ich vegetiere hier nur vor mich in.“

„Dann redest du also doch wieder von der Freiheit.“

„Nein.“

„Doch.“

„Wann kann ich hier wieder weg?“

„Nie“

„Wieso?“

„Weil du das Recht auf einen Platz in der Gesellschaft verwirkt hast, als du meintest, dir die Pulsadern aufschneiden zu müssen.“

„Wieso?“

„Das weißt du doch ganz genau.“

„Wichser“

„Jetzt werd nicht wieder unfreundlich. Ich mache diese Regeln nicht.“

„Nicht?“

„Nein.“

„Wer dann?“

„Jemand über mir.“

„Gott?“

„Gott gibt es genauso wenig wie den Weihnachtsmann oder den Osterhasen.“

„Wer dann, wenn es keinen Gott gibt?“

„Derjenige der Gott schuf.“

„Und wer ist das?“

„Das weißt du ganz genau.“


S trat ein paar Schritte zurück. Die Antwort überraschte ihn, auch wenn er es vielleicht doch schon lange gewusst hatte.


„Aber... wieso?“, fragte S weiter.

„Ist dir das nicht klar?“,erwiderte M. „Du und all die anderen hier. Ihr seid der Schmutzfleck auf der rosaroten Brille der Masse, denn sich die Masse aber auch selbst geschaffen hatte. Sie will diesen Fleck aber nicht sehen und deswegen bekämpft sie ihn. Dazu schuf die Masse die Anstalt, genauso, wie die Insassen der Anstalt die Schattenwächter schufen.“

„Und wer bist du?“

„Ebenfalls eine Produktion der Masse.“


S wusste nicht, was er darauf sagen sollte und setzte sich erstmal auf sein Bett.


+++


Vierter Teil der Tragödie – Götterdämmerung


Es waren sanfte, warme Sonnenstrahlen, die S am nächsten Tag weckten. Er lag in seinem Bett und wusste gar nicht, wie er dahin gekommen war. Etwas verwirrt, starrte S an die Decke und versuchte sich zu erinnern. Das einzige jedoch, was in seinen Erinnerungen als letztes auftauchte, war dass er sich während des Gespräches mit M auf seine Bettkannte gesetzt hatte.Hatte das Gespräch überhaupt jemals stattgefunden? Oder war es nur ein Traum gewesen? S war verwirrt. Selten war er direkt nach dem Aufwachen so durcheinander gewesen.


Verdammt, was war das nur für eine Welt, in der er da lebte?


Ein verwirrtes Blinzeln, dann schlug S seine Bettdecke zur Seite. Setzte sich auf. Rieb sich die Augen. Gähnte und streckte sich.


Was für ein Erwachen... Eine Zigarette wäre jetzt nicht schlecht...


Er griff nach der Packung. Sie war natürlich voll. Wie immer. Routiniert zündete S sie sich an und verzog das Gesicht. Auf leeren Magen schmeckte sie widerlich. Trotzdem war sie äußerst angenehm und bremste das Gedankenkarusel aus. Also, warum dann beschweren? Er inhalierte den Rauch und atmete ihn mit einem tiefen, befreienden Seufzen wieder aus. Die Wirkung war es, die zählte. Nicht der Geschmack. Diese Erkenntnis hatte S noch aus der Zeit vor der Anstalt. Zu Zeiten, als er noch Glasscherben gekaut hatte. Der Kupfergeschmack des eigenen Blutes war alles andere als angenehm gewesen. Genauso wie die offenen Wunden im Mund. Doch war es egal. Es zählte einzig und allein die Wirkung... Bei diesem Gedankengang musste S leise lachen.


Als er zu Ende geraucht und die Zigarette wie gewohnt an seinem Arm ausgedrückt hatte, stand S auf und streckte sich.


Und was lag da eigentlich auf dem Schreibtisch? Irgendwas komisches, metallisches. Er rieb sich die Augen. Es gehörte definitiv nicht ihm. War das eine Pistole? Ja, das war eine Pistole. Eine Beretta 92 F um genau zu sein. Wie kam die dahin? Seit wann lag sie da? Etwas verwirrt nahm er das kalte Stück Metall in die Hand. Sie fühlte sich irgendwie befremdlich an. Was hatte dieses Teil hier zu suchen? Fragen über Fragen.. Keine Antwort. Nur dieses kalte Stück Metall.


War es möglich, dass... Nein... Oder doch? Nein, bestimmt nicht... Oder?


Sollte diese Waffe etwa die Antwort auf all seine Fragen sein? Die Lösung aller lückenhaften Gleichungen? Eine Hintertür im Irrgarten?


Sollte diese Waffe sein Erlöser sein? Sein Messias?

Oder vielleicht doch eher nur eine Aufforderung?


Hatte er sich die ganze Zeit über geirrt? Hatten vielleicht K und all die anderen bereits vor ihm die Lösung gefunden? Hatte er sich umsonst gequält?


Der Tod, das war S nun mehr als klar, war wohl die einzige Möglichkeit dieser Anstalt zu entkommen. Oft hatte er mit dem Gedanken gespielt. Ihn aber nie umgesetzt. Stattdessen hatte er versucht, sich so viel Wissen über die Anstalt anzueignen, wie nur irgendwie möglich. Letzten Endes ein sinnloses Unterfangen.


S hatte es sich selbst nur unnötig schwer gemacht. Aber nun würde er gehen. Er war schon viel zu lange hier. Adieu, du grauenhafter Ort.


„WAS MACHST DU DA MIT DER PISTOLE?!“; kreischte Q schockiert und stand schreckensbleich in der Tür. Sie verstand nicht, was vor sich ging. Würde sie es verstehen? Nein, würde sie nicht, denn sie würde keine Gelegenheit mehr haben, es zu verstehen.


PENG!


Die Kugel traf sie in der Brust. Die Wucht warf sie nach hinten taumeln.


PENG!


Sie stieß gegen die Kommode.


PENG!


Sie stürzte zu Boden.


PENG!


Tot.


PENG!


Beng, beng, he shot me down.

Beng, beng, I hit the ground


Q lag am Boden. In einer Lache aus ihrem eigenen Blut. So unschuldig wirkte sie. So überrascht. Die Fassungslosigkeit stand ihr noch in ihre Augen geschrieben. Sie war tot. Erlöst.


Mit einem seeligen Lächeln, setzte S die Pistole voller Zuversicht an seine Schläfe. Es gab nichts mehr zu befürchten. Viel mehr gab es nun so viel , worauf er sich freuen konnte. Der Spuk würde gleich vorüber sein. Gleich würde der Vorhang fallen und dieses groteske Stück beenden.


Beng, beng...


PENG!


+++E-N-D-E+++

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